96. Rotes Sofa im Abgeordnetenbüro Schmidt

Am Freitag, 27.06., hatten wir auf dem Roten Sofa die Schriftstellerin Regina Scheer zu Gast. Scheer, geboren 1950 in Ost-Berlin, hat zahlreiche Bücher zur deutsch-jüdischen Geschichte veröffentlicht, und seit 2014 auch diverse Romane.

Mit deutsch-jüdischer Geschichte hat auch der Roman "Gott wohnt im Wedding" zu tun, aus dem Scheer am Freitag einige Passagen vorlas. Er erzählt die Geschichte eines Wohnhauses in Berlin-Wedding, tut das aber - das ist der Clou - aus der Perspektive des Hauses selbst. Natürlich kennt das Haus alle seine Bewohner. Es beobachtet sie, wie sie im Treppenhaus sitzen und rauchen; es bekommt mit, wie der Vermieter versucht, den Verfall des Hauses zu beschleunigen, damit die Bewohner ausziehen und er durch Abriss und Neubau seine Rendite erhöhen kann; das Haus philosophiert; und es beobachtet auch alle seine tierischen Besucher: von Füchsen und Waschbären bis hin zu Küchenschaben...

Aber natürlich sind es vor allem die Geschichten seiner menschlichen Bewohner, die das Haus durch Regina Scheers Buch mit uns teilt: Geschichten von Wandel, von Heimat, von Trauer, von Berlin. So zum Beispiel die Geschichte von Leo, einem Juden, der im Haus aufwuchs, 1948 nach Israel auswanderte und später als alter Mann zurückkommt, um gemeinsam mit seiner Enkelin die alte Heimat zu besuchen. Wie Leo mit seiner Enkelin über Israel diskutiert.

"Warum nicht?", antwortet Regina Scheer souverän und lachend auf die Frage, warum ihre Bücher so häufig von deutsch-jüdischer Geschichte handeln. "Deutsche Geschichte ist eben oft auch jüdische Geschichte. Besondern Berlin wäre ohne jüdisches Leben eine völlig andere Stadt."

Die Zuschauerinnen und Zuschauer lassen sich mitnehmen auf diese literarischen Zeitreisen, sie lassen sich begeistern und sammeln ihre Fragen an die Autorin, die nach der Lesung noch Rede und Antwort steht. Nur als das Gespräch auf den Nahostkonflikt kommt, lenkt Scheer den Fokus zurück auf den (literarischen) Anlass der Veranstaltung: "Ich spreche hier als Künstlerin, als Schriftstellerin, und nicht als Agitatorin. Auch die Literatur hat eine politische Ebene. Aber was nicht aus meinen Büchern hervorgeht, darüber muss und möchte ich hier auch nichts sagen."