99. Rotes Sofa im Abgeordnetenbüro Schmidt

Am Montag, 13.10., durften wir auf dem Roten Sofa im Abgeordnetenbüro den Schriftsteller Domenico Müllensiefen begrüßen. Die Moderation des Abends übernahm Regina Kittler, kulturpolitische Sprecherin der Linken in der BVV Marzahn-Hellersdorf. Wie immer auf dem Roten Sofa nach dem bewährten Konzept "Lesung und Gespräch" - Müllensiefen liest aus seinem neuen Roman "Schnall dich an, es geht los", bevor er sich Reginas Fragen und den Fragen des Publikums stellt.

Nachdem Müllensiefens mehrfach preisgekrönte Debütroman "Aus unseren Feuern" in Leipzig spielte, spielt das neue Buch in der Altmark: nach der Uckermark das am dünnsten besiedelte Gebiet der gesamten Republik und die Region, in der Müllensiefen selbst aufgewachsen ist, bevor es ihn in einer Serie glücklicher Zufälle erst nach Magdeburg und dann nach Leipzig verschlug...

Ist also auch "Schnall dich an, es geht los" wieder ein autobiografisches Buch? "Naja", sagt Müllensiefen, "es erzählt nicht meine Geschichte, aber andererseits ist es vielleicht sogar noch autobiografischer als das erste Buch, denn es erzählt die Geschichte meiner Heimat. Und ich hoffe", fügt er hinzu, "dass diese Geschichte noch weitergeht." - Und das, obwohl sogar Altkanzlerin Angela Merkel einmal sagte: "Salzwedel hat einen Bahnhof, aber den Anschluss verloren."

Womit wir beim Kernthema des Abends wären - einem Thema, das uns auf dem Roten Sofa schon häufiger beschäftigt hat: Wie konnte der angekündigte "Aufbau Ost" nach der Wiedervereinigung - von vielen als feindliche Übernahme empfunden - sich in einen regelrechten "Abbau Ost" verwandeln? Wieso verwandelte die anfängliche Euphorie sich so schnell in Tristesse, was hätte anders laufen müssen, welche Folgen hat das noch heute... und vielleicht am wichtigsten: wie können wir heute mit diesem Erbe umgehen?

Müllensiefen wirbt für einen Ansatz, der nichts beschönigt - der raue Gesprächston einer Romanfiguren spricht hier eine sehr deutliche Sprache -, aber auch nicht verzweifelt, sondern daran festhält: Da ist auch Raum für Lebensfreude mitten im Grau. So handelt "Schnall dich an, es geht los" von zwei jungen Männern, Marcel und Pascal, deren Lebensmittelpunkt das Fußballstadion in Magdeburg und die Imbissbude in einem Dorf namens Jeetzenbeck sind, durch das Müllensiefen seinen tatsächlichen Heimatort Beetzendorf fiktionalisiert hat. Die Stimmung ist bedrückend - nicht zuletzt, weil das Buch direkt mit einem Suizid von Marcels Schwester Vanessa beginnt. Marcel ist viel damit beschäftigt, Zeit totzuschlagen - und Müllensiefen zeigt mit erschreckender Plausibilität, "wie kaputt eine Familie sein muss, damit die Tochter sich gegen die Wand fährt."

Und doch bleibt die Hoffnung. Marcel und Pascal lassen sich nicht kleinkriegen, sie bleiben in Jeetzenbeck, und sie haben ihre Gründe. Müllensiefen sagt zwar, dass er als Schriftsteller genauso wenig soziologische Erklärungen für die Misere anbieten kann wie Konzepte für die Zukunft. Und doch erhalten wir durch ihn - durch Lesung und Gespräch - viele Hinweise: "Die Menschen haben nach der Wende schnell verlernt zu träumen", sagt Müllensiefen, "und da gibt es schnellen Lösungen." Aber ein größeres kulturelles Angebot würde definitiv nicht schaden. Und so hat der Autor am Ende dann doch einen ambitionierten konkreten Vorschlag parat: ein Interrail-Ticket für alle Jugendlichen in der EU, wenn sie volljährig werden - das sorgt für kulturelle Begegnung, "und dann kommen vielleicht auch die Träume zurück." Das hätte sicher auch Marcel gefallen, der einstweilen nicht mit Kumpels durch ganz Europa reisen kann, sondern nur mit seinem schlechtgelaunten Vater auf einen halben Roadtrip nach Prag geht.